Arm in Arm stehen sie da, die Turner des MTV Stuttgart II. Einer nach dem anderen sind sie in den vergangenen Stunden an die Geräte gegangen. Punkt um Punkt haben sie erturnt, haben Stürze vermieden, Rückschläge weggesteckt und aus gut drei Punkten Rückstand knapp drei Punkte Vorsprung gemacht. Diesen Vorsprung wollen sie ins Ziel retten. Die Entscheidung fällt an den Ringen.
Es ist Samstagnachmittag, die Zuschauer in der Stuttgarter Tivoli-Halle sehen zwei hochmotivierte MTV-Mannschaften. Während der MTV Stuttgart II in der Bezirksliga gegen den TB Neckarhausen antritt, turnt der MTV Stuttgart I in der Landesliga gegen den TSV Böbingen. Zwei Wettkämpfe parallel zum Saisonauftakt: Mehr Spannung geht kaum. Bis es an die Ringe geht.
Die Turner der ersten Mannschaft haben ihren Wettkampf soeben beendet – mit 277,50 zu 261, 95 Punkten gewinnen sie am Ende deutlich. Auch sie stehen nun Arm in Arm neben den Ringen und schauen zu, wie Mannschaftsführer Björn Roth den letzten Turner an die Ringe hebt. Jan Krockenbergers Übung hat eine D-Note von 2,6 Punkten – eine schwerere Übung zeigt keiner der Bezirksliga-Turner in der Tivoli-Halle. Als Jan nach seinem Rückwärtssalto-Abgang sicher auf der Matte landet, ist die Sache klar – und die Freude groß: Beide MTV-Mannschaften gewinnen ihren ersten Wettkampf. Und das trotz der Ausfälle, die den Tag so ungewöhnlich starten ließen.
Es ist 13:31 Uhr, noch 29 Minuten bis zum Start des Einturnens, als Jan Seidel einen Anruf bekommt. Der langjährige MTV-Turner steckt im Prüfungsstress, zum Wettkampf fährt er trotzdem. Von der Tribüne aus will er die Mannschaften anfeuern, so zumindest lautet sein Plan. Bis seine Mannschaft einen anderen hat. Während er mit der Stadtbahnlinie U12 Richtung Turnhalle fährt, wird ihm telefonisch mitgeteilt, dass er spontan Ringe und Sprung turnen muss. Also dann: In 29 Minuten bitte aufwärmen.
Kurzfristige Ausfälle durch Krankheit und sonstigen Gründen bringen immer wieder mal die Mannschaftsaufstellung durcheinander. Das Motto aber nicht. „Bis zum Schluss: Kämpfen!“ rufen die MTV-Turner seit Jahren vor Wettkampfbeginn im Mannschaftskreis. Und legen dann genau so auch los.
Die erste Mannschaft beginnt am Boden und muss hier auf Punkte-Garant Mike Fischer verzichten. Der angeschlagene Leistungsträger und lauteste Motivator hält sich trotzdem bereit – für den Fall der Fälle stände er auf der Matte. Gut für seine Achillessehne: Die anderen vier Turner überzeugen mit starken Übungen. Auch weil Marco Richter mit 13,15 Punkten die höchste Punktzahl erreicht, geht der MTV mit einem kleinen Vorsprung zum zweiten Gerät Pauschenpferd. Und baut den dank starker Übungen auf über neun Punkte aus.
Währenddessen kämpft die zweite Mannschaft um jeden Zehntel. Mit 0,05 Punkten Vorsprung gewinnen sie das erste Gerät Sprung – auch weil Caspar Schoner seinen Handstand-Überschlag perfekt in den Stand turnt und damit den neuen Standbonus von 0,1 Punkten erhält. Am zweiten Gerät Barren geht es ähnlich eng zu – mit dem besseren Ende für die Gäste aus Neckarhausen. Für den MTV zeigt Larry Phiphia seine schwierige Übung mit Mollstemme noch außer Konkurrenz. Bei zukünftigen Wettkämpfen könnte er damit für wichtige Punkte sorgen. Bei diesem Wettkampf sammelt Damian Kraft dank einer sauberen Übung inklusive Schweizer Handstand die meisten Punkte für den MTV. Und wiederholt das Ganze am dritten Gerät Reck.
Hier geraten die MTV-Turner ins Hintertreffen. Zwar zeigen vier der fünf Turner schöne Riesenfelgen, die Abzüge sind aber höher als bei Neckarhausen. Trotzdem: Die Wertungen können sich sehen lassen. Auch weil Nick Zimmermann mit 8,45 Punkten eine gute Reckübung zeigt, werden die MTV-Turner nicht abgehängt. Mit 3,10 Punkten Rückstand geht es in die Pause. Mit 3,10 Punkten Rückstand beginnt die Aufholjagd.
Die haben die Landesliga-Turner nicht nötig. Zwar zeigen auch die Gäste aus Böbingen allesamt starke Ringe-Übungen. Mit Fabian Geyer vom MTV kann aber niemand mithalten. Sagenhafte 5,7 Punkte in der D-Note und 14,70 in der Endnote stehen nach seiner Übung in der Wertungstabelle. Auch Jan-Frederik Schreyer, spontan-Turner Jan Seidel und Jannik De Brabandt erhalten hohe Wertungen. Die Folge: Der Vorsprung der ersten Mannschaft beträgt zur Pause 12,85 Punkte.
Turnen ist ein Mannschaftssport, jeder Turner ist wichtig. Egal ob jemand an sechs Geräten antritt oder an einem: alle Übungen werden gebraucht. In der zweiten Mannschaft hat sich Ben Dürr für seinen Einsatz am Boden aufgewärmt und überzeugt mit 9,25 Punkten. Auf die Grundlage bauen seine Teamkollegen auf und sammeln Übung um Übung ihre Punkte. Aus 3,1 Punkten Rückstand werden plötzlich 2,7 Punkte Vorsprung. Jetzt heißt es cool bleiben.
Ruhig bleiben kann in der Halle kaum jemand, als Jannis Schuckert für die erste Mannschaft am Sprung antritt. Sein Kasamatsu gehockt (Rad mit seitlichem Salto in einer ¾ Schraube), wird mit der Höchstnote von 11,70 Punkten belohnt. Und André Boden, der im Vorfeld seinen Handstand-Überschlag noch als „billigen Sprung“ bezeichnet hatte, kommt fast ohne Abzug durch. Mit 11,30 Punkten erhält er die zweitbeste Wertung. Und auch Vincent Cagnion erhält für seinen gestreckten Tsukahara starke 11,00 Punkte.
Die zweite Mannschaft tritt ans fünfte Gerät, das Pauschenpferd. Tim Schumacher, der sein schwierigstes Element im ersten Wettkampf noch weglassen wollte, holt 10,20 Punkte. Und auch die anderen Wertungen der MTV-Turner können sich sehen lassen. Dank nur wenigen Abzügen erturnt Jannis Hanselmann 9,20 ganz wichtige Punkte. Der Vorsprung vor dem letzten Gerät Ringe beträgt damit 4,35 Punkte.
Das letzte Gerät für die erste Mannschaft ist das Königsgerät Reck. Vor einigen Jahre haben die MTV-Turner hier nach fünf verlorenen Geräten und Rückstand noch den ganzen Wettkampf gedreht. Diesmal sind sie mit 14,25 Punkten vorne – und bringen das souverän ins Ziel. Jannik de Brabandt kommt trotz Sturz noch auf 9,6 Punkte. Und André Boden stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass er sich als ehemaliger Student der Luft- und Raumfahrttechnik mit dem Fliegen auskennt. Sein Flugteil (Überkehren) zu Beginn der Übung meistert er souverän. Und beim Salto-Abgang am Schluss fliegt er so weit, dass die Matte fast nicht ausreicht. Alles gutgegangen – alle Geräte gewonnen! Glückwunsch MTV Stuttgart I.
Die zweite Mannschaft muss noch kurz zittern, die Gäste aus Neckarhausen holen nochmal auf. Doch die MTV-Turner bleiben cool, turnen ihre Übungen sicher durch. Und fiebern dann, Arm in Arm, mit dem letzten Turner mit. Am Ende heißt es 243,50 zu 240,50. Drei Punkte Vorsprung: eine echte Mannschaftsleistung.
Zu der gehören nicht nur die Turner. Trainer Björn Roth, der bei den Wettkämpfen mindestens fünf Jobs hat, gehört dazu. Ebenso die Kampfrichter Martin Liener-Kling, Gunter Gruber und Torge Köller, ohne die im Turnen gar nichts geht. Mit dabei sind auch die Helferinnen und Helfer, die beim Auf- und Abbau der Geräte dabei sind oder einen Kuchen beisteuern. Und die Zuschauer, die kräftig die Turner anfeuern. Die Turner, die bis zum Schluss: Kämpfen!
Endergebnis:
MTV Stuttgart I : TSV Böbingen: 277.50 : 261.95
MTV Stuttgart II : TB Neckarhausen: 243,50: 240,50
Nächste Wettkämpfe:
Bezirksliga: TSG Schömberg II – MTV Stuttgart II (Samstag, 21.02.2026; 14:30 Uhr)
Landesliga: WKG Leinfelden-Stetten – MTV Stuttgart I (Sonntag, 22.02.2026; 15:00 Uhr)
Weitere Informationen:
Tabelle: https://ergebnisdienst.stb.de/#/e/70540def-c6d2-4041-b742-994d68d18e48/tables
Wettkampfergebnis Landesliga: https://ergebnisdienst.stb.de/#/view/ed62b38b-288f-40d9-bb08-b19e13ee6e9f
Wettkampfergebnis Bezirksliga: https://ergebnisdienst.stb.de/#/view/acf808a5-dea5-44b3-bd13-8a49539254a8