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Spiel zwischen den Geräten Süddeutsche Zeitung vom 13.10.2003 Ein neues Punktesystem macht die Kunstturn-Bundesliga spannender, der FC Bayern gewinnt gegen die TG Saar 44:34 Turnen als Planspiel Uli Hager ist ein Perfektionist. „Turnen ist ein Planspiel“, sagt der Abteilungsleiter des FC Bayern, „Am Ende steht immer die Frage: Was können wir besser machen?“ Ein paar Tage vor dem Start in die Bundesligasaison versammelte Hager deshalb alle Athleten und Trainer des Aufsteigers in der Turnhalle, „um das mal durchzuspielen. Jeder hat seine Rolle. Jeder muss diese Rolle erfüllen.“ Die Simulation aber nahm ein böses Ende. „Da hat gar nichts geklappt“, erzählt Hager – als wäre er ein Intendant nach der Generalprobe. Seine Worte klingen wie eine Theaterkritik. „Wir waren nicht leidenschaftlich, nicht konzentriert genug.“ "Das ist eine Sensation!" Bei der Premiere jedoch zeigten sich die Akteure text- und vor allem stilsicher. „Das ist eine Sensation“, sagt Hager nach dem ersten Auftritt in der Bundesliga. Bayern München siegte 44:34 gegen die favorisierten Gäste von der TG Saar. 44:34 – das klingt nicht nach einem konventionellen Turnergebnis. Doch ab dieser Saison wird in der Deutschen Turnliga ein neues Punktesystem eingesetzt. Score-System heißt es – ganz im Stile der Zeit: modern, anglophon, action-lastig. Dabei werden für das jeweilige Ergebnis nicht mehr die einzelnen Noten zusammengezählt. Statt dessen entscheiden Duelle Mann gegen Mann, Turner gegen Turner über Sieg oder Niederlage. Pro Gerät und Mannschaft werden drei Athleten eingesetzt, die jeder gegen einen Gegner turnen. Gegen welchen, kann der zuständige Trainer unmittelbar vor dessen Start bestimmen. Je nach Differenz der ermittelten Wertungen erhält der bessere Turner bis zu fünf Punkte für sein Team; beträgt der Abstand nicht mehr als einen Zehntelpunkt, bekommt jede Mannschaft einen Zähler. Der erste Darbietung des neuen Systems beginnt durchwachsen. Der Videobeamer bringt nicht genug Leistung, die Zuschauer können die Namen der Athleten nicht erkennen, schwächlich schimmert der Spielstand an der Wand. Nach 40 Minuten und drei Geräten steht es 25:21 für die Bayern. Wenig später 28:29 für die Gäste. Es ist der Wettkampf in Echtzeit. Uli Hager bezeichnet sich als „knallharten Verfechter des neuen Systems.“ Die Dynamik des Wettkampfs verändert sich. Früher ging es bei jeder Übung um die bestmögliche Wertung. Jetzt geht es nicht mehr um Perfektion, sondern um das Besser-Sein. Auch auf niedrigem Niveau ist ein Sieg möglich. Ein Kampfsieg, so nennt man das beim Fußball, eine Vokabel, die zum Turnen noch kaum passt. Hager aber sagt: „Es ist keine lange Rechenübung mehr, sondern ein hin- und herwogendes Spiel.“ Die Vorentscheidung am Samstag fällt erst am vorletzten Gerät, dem Barren. Die TG Saar setzt wegen Verletzungsproblemen nur drei Turner ein. Der FC Bayern spielt quasi in Überzahl. „Das sind dann fünf Punkte für den FC Bayern“, ruft der Hallensprecher in sein Mikrofon. Und dann: „Die Kampfrichter werten noch. Warum werten die noch? Warum?“ Auch Hager hadert mit dem Langmut der Offiziellen: „Die Kampfrichter müssen noch schneller werden. Das ist nicht mehr zeitgemäß.“ Dann endlich blinken die geforderten fünf Punkte auf der Anzeigentafel auf. Es steht 39:29. Diesen Vorsprung kann selbst Sergej Charkow nicht mehr aufholen, der Star der TG Saar, dreimaliger Weltmeister am Barren, mittlerweile 33 Jahre alt. Hager ist erstaunt: „Ich hätte nicht gedacht, dass der noch so gut ist.“ Der beste Turner des Tages aber ist Jewgeni Sapronenko, der lettische Weltklasse-Mann des FC Bayern. Auch im Duell der ausländischen Spitzenkräfte liegt der FC Bayern also vorne, den entscheidenden Vorteil aber sieht Uli Hager in der „hohen Leistungsdichte der Mannschaft“ und den überzeugenden Vorstellung von Talenten wie dem 16-jährigen Marcel Nguyen. Dem neuen Score-System jedenfalls verdanken sie den Auftaktsieg nicht. „Wir haben das nachgerechnet“, sagt Hager. „Wir hätten auch so gewonnen.“ Allerdings hätte man wohl nur „vier oder fünf Zehntelpunkte Vorsprung gehabt“. An die Zahlen 44:34 auf der Anzeigentafel muss man sich erst noch gewöhnen. Nur Hager ist bereits angekommen in der schönen neuen Welt. Er sagt: „Über das alte Wertungssystem denke ich gar nicht mehr nach.“ >>> zurück |
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